Die Stämme der Gran-Chaco waren kriegerische Jäger und Sammler. Sie erwiesen sich während der ganzen spanischen Kolonialzeit als fast unbesiegbar und kaum assimilierbar. Anders war es mit den Guarani. Sie standen auf einer etwas höheren Stufe der Zivilisation und trieben bereits Ackerbau in Wanderwirtschaft. Die an Zahl geringen Spanier vermischten sich von Anfang an mit den Guarani, was von den Behörden eifrig gefördert wurde. Trotz ihres Namens, der "Krieger" bedeutet, waren die Guarani im Vergleich mit den wilden Stämmen des Chaco ein friedliches Volk. Sie lebten in Familiengruppen zusammen unter der sehr lockeren Autorität von Kaziken oder Häuptlingen. Der eigentliche Einfluß lag jedoch nicht bei den Kaziken, sondern bei den Schamanen oder Medizinmännern.
Schon die ersten Conquistadoren berichteten, daß die Guarani ein freundliches Volk seien. Im Unterschied zu den Inkas kannten sie keine Steinbauten. Ihre Wohnungen waren Hütten, die sie im Wald aus Zweigen und Bambusstangen zusammenfügten. Der Eingang war gewöhnlich so nahe am Boden, daß man hineinkriechen mußte. Ihre bewegliche Habe bestand aus Tongeschirr und Waffen. Die Guarani bauten Kürbisse, Mandioka und Süßkartoffeln an.. Den hauptsächlichen Lebensunterhalt lieferten jedoch Jagd und Fischfang. Wenn nach fünf oder sechs Jahren ihre Felder ausgelaugt waren, dann zogen sie weiter. Es kam ihnen vor allem darauf an, ein Gebiet zu suchen, in dem es genug Tiere gab, die sie mit Fallen und Schlingen zu fangen pflegten.
Als die Spanier sich am Paraguay-Fluß endgültig festsetzen wollten, mußten sie zunächst auch mit den Guarani kämpfen. Sie wurden besiegt und waren von diesem Zeitpunkt an Verbündete der Spanier.
Die neue spanische Kolonie zog viele Einwanderer an, besonders seit Buenos Aires wegen der Angriffe der Indianer zunächst aufgegeben worden war. Asuncion schien als Zwischenstation zu dem begehrten Goldland im Westen des Landes am geeignetsten zu sein. Ab diesem Zeitpunkt bemühte man sich um eine landwirtschaftlichen Erschließung der Gegend um Asuncion.. Hier tauchte natürlich sofort das Problem der Arbeitskräfte auf. Es wurde zunächst über den sogenannten "Freundschaftsdienst" gelöst, der auf dem Bündnis mit den Guarani beruhte. Die Spanier tauschten von den Kaziken Frauen ein, traten auf diese Weise mit ihnen in ein Verwandtschaftsverhältnis ein und erhielten gleichzeitig die für die Feldarbeit nötigen Kräfte, die bei den Guarani Sache der Frauen war. Diese Praxis erwies sich bald als ungenügend, nicht zuletzt deshalb, weil die Indios erkannten, daß sie die Ausgebeuteten waren. Schon 1545 kam es zum ersten Aufstand. Einige der Kolonisten setzten dann 1555 durch, daß das System der Encomienda, eine Art Hörigkeitsverhältnis, eingeführt wurde, damit sie ihre Güter nach Art spanischer Adeliger verwalten konnten. Bis 1555 wurden 100 000 Indios unter 320 spanische Grundbesitzer verteilt. Unter diesen Umständen, die weitere Aufstände hervorriefen, kam es zu so gut wie keiner Christianisierung.
1603 fand in Asunción eine für die weitere Missionierung richtungsweisende Synode statt, die sich sowohl gegen die Ausbeutung der Indios wandte als auch erkennen ließ, daß sie in der Trennung der Indianer von den Spaniern den richtigen Weg sah, eine erfolgreiche Missionierung durchzuführen. Die Jesuiten waren es dann, die innerhalb des spanischen Kolonialgebietes die Erlaubnis erhielten, ihr Reduktionssystem zu realisieren.
Sie erreichten sogar eine Änderung der Gesetze am spanischen Hof, die darauf abzielte, die Ruinierung der unterworfenen Indios zu verhindern, indem sie als gleichberechtigte Untertanen anerkannt werden sollten.. Letzlich waren jedoch alle Verfügungen ziemlich wirkungslos, weil die Conquistadoren und Kolonisten auf ihrem Interesse beharrten, die Indios als rechtloses Material für ihre Bereicherung zu behandeln. So entstand schon bei Las Casas die Idee, die Ureinwohner möglichst ganz von den Spaniern abzusondern, um sie in von den Conquistadoren getrennten Gebieten (Reduktionen) ungestört missionieren zu können. Er hatte sich schon sehr früh für eine Trennung der Missionierung von der Eroberung ausgesprochen und in seinen Augen sogar den praktischen Beweis erbracht, daß eine friedliche Missionierung selbst bei sehr "kriegerischen" Stämmen möglich sei. Gegen den Widerstand der spanischen Kolonisten ließ er sich ein Gebiet zuweisen -im heutigen Guatemala-, in dem die Dominikaner für fünfzehn Jahre ungestört arbeiten konnten; erst danach sollten die von den Missionaren betreuten Indios auch Kontakt zu den Spaniern haben. Wegen des außerordentlichen Erfolgs dieser Missionierung nannte Las Casas dieses Gebiet Verapaz, Land des wahren Friedens. Sehr schnell jedoch drangen die spanischen Kolonisten in dieses Gebiet ein, die Indiostämme wehrten sich und das Missionsexperiment wurde abgebrochen.
Dieses und andere ähnliche Beispiele zeigen etwas über die Kalkulationen, mit denen die spanische Krone die Missionierung für ihren Zweck instrumentalisierte. Die Missionare hatten die Aufgabe, in Grenzregionen aufsässigen bzw. noch nicht beherrschten bzw. unbekannten Stämmen das Christentum und die europäische Zivilisation zu vermitteln, um damit die Conquista mit anderen Mitteln fortzusetzen bzw. sie vorzubereiten. Diese Missionsexperimente waren gedacht als befristete "Schutz- und Erziehungsgebiete für Eingeborene" und nicht als dauerhafte Reservate mit dem Ziel, die Isolierung von den europäischen Siedlungsgebieten aufrechtzuerhalten. Was auch immer den jeweiligen Missionaren und Ordensgemeinschaften selbst an idealen Missionsreduktionen vorgeschwebt haben mag, die zeitliche Befristung ihrer Bemühungen war vom Zweck des spanischen Staates her eine ausgemachte Sache.
Die Jesuiten gründeten im La-Plata-Becken und im Gebiet der Quellflüsse des Amazonas im 17. und 18. Jahrhundert etwa 70 Indio-Siedlungen, in denen schließlich an die 200 000 Indianer friedlich und in einem beachtlichen Wohlstand lebten. Da die Gründungen durch die Organisation des Jesuitenordens in eim lockeren Verbund zusammengehalten wurden, sprach man vom "Jesuitenstaat in Paraguay". Er bestand über 150 Jahre von den ersten Anfängen im Jahre 1609 bis 1767, dem Jahr, in dem die Jesuiten aus Südamerika vertrieben wurden.
In dem Gebiet, von dem hier die Rede ist, hatten Franziskaner, Dominikaner und Jesuiten die Missionierung zunächst nach Art von Wanderpredigern versucht. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts zogen einzelne Missionare unter größten Strapazen und Lebensgefahr ins unwegsame Hinterland, um zu predigen und zu bekehren, was sich bekehren ließ. Nach vollzogener Taufe zogen sie dann weiter. Doch dieses rasch gepredigte Christentum war rein oberflächlich und verging schnell, weshalb man nach neuen Methoden suchte. Die Jesuiten erhielten schließlich von der spanischen Regierung die Erlaubnis, für die Indios eigene Siedlungen fernab von den Städten und Haziendas der Weißen zu errichten. Als 1606 Paraguay als eigene Ordensprovinz der Jesuiten konstituiert wurde, legte man einheitlich ein neues Konzept der Missionierung fest: Alle nicht seßhaften Indios sollten in größeren Siedlungen zusammengeführt (spanisch: reducir) werden, um sie vor den Interessen der Kolonisten zu schützen und sie zu missionieren. Von Asunción aus erschlossen die Jesuiten ein riesiges Gebiet, das sich vom Orinoko im Norden bis südlich von Buenos Aires erstreckte. Es bildeten sich dabei mehrere Schwerpunkte heraus, die jeweils eine größere und kleinere Anzahl von Siedlungen umfaßten. Diese Gruppierungen lagen oft Hunderte oder gar tausende Kilometer auseinander. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Reduktionen, besonders die bei den Guaranis, Chiquitos und Mojos prosperierend und voller wirtschaftlicher Aktivität.
Die Reduktionen wurden auch "Missiones" oder "Pueblos" genannt. In ihnen lebten jeweils 1000 bis 4000 Bewohner, die eine Art landwirtschaftlicher Großkommune bildeten. Die Leitung lag bei zwei Jesuiten, daneben bestand eine Selbstverwaltung der Indios nach dem Muster der spanischen Gemeindeordnung Außer der Landwirtschaft und der Verarbeitung ihrer Produkte hatte die gewerbliche Produktion eine große Bedeutung. Die Vielfalt der Handwerke und Künste, die ausgeübt wurden, war erstaunlich: Ziegelbrennerei, Weberei, Lederverarbeitung, Holzschnitzerei und Bildhauerei, Glasfabrikation, Glockenguß, Silberverarbeitung, um nur die wichtigsten zu nennen. Es ist bemerkenswert, in welch kurzer Zeit der Sprung von der Steinzeit ins Barockzeitalter gelang. In wenigen Jahrzehnten wurden aus den Lehmhütten Steinbauten, entstanden barocke Kirchen, die den europäischen in nichts nachstanden. Die Indios lernten meisterhaft, mit der europäischen Musik umzugehen, ihre Chöre und Orchester haben oft auch in den Städten der Spanier musiziert.
Der Hauptgrund dieses Erfolgs lag in erster Linie in dem Schutz, den die Jesuiten den Indios bieten konnten: einmal vor den spanischen Kolonisten, zum anderen auch vor den Portugiesen, die von Brasilien aus Streifzüge nach Westen unternahmen. Darüber hinaus war es von großem Vorteil, daß die Jesuiten von Anfang an die Sprache der Indios erlernten. Schon bald verfaßten sie Grammatiken und Wörterbücher der Sprache der Guarani und machten aus seinen vielen Dialekten eine einheitliche Schriftsprache.
Schwierigkeiten für die Reduktionen gab es eigentlich nur von außen. So von den sogenannten "Paulistas", auch "Bandeirantes" genannt, die von ihrem Zentrum im brasilianischen Sao Paulo aus bestrebt waren, die Grenzen des portugiesischen Kolonialreiches immer mehr nach Westen zu verschieben. Sie unternahmen in großen Banden Streifzüge ins Innere, um Schätze zu suchen und Indianer als Arbeitskräfte zu fangen. In Brasilien gelten diese "Bandeirantes" heute als heldenhafte Kolonialpioniere, sogar eine Automarke trägt ihren Namen. Für die Reduktionen bildeten sie eine tödliche Bedrohung. Die Jesuiten stellten Indio Truppen auf, die nach europäischem Muster gedrillt waren und von indianischen Offizieren geführt wurden. Ständig gab es auch Ärger und Streit mit den lokalen Kolonialbehörden in der Nachbarschaft. Diese standen unter dem Einfluß der weißen Kolonisten, denen der Schutz der Indios durch die Privilegien der Jesuiten ein Dorn im Auge war. Immer wieder wurden Jesuiten in Madrid denunziert. Die Vorwürfe waren: Zwangsarbeit und Ausbeutung der Indios, geheimer Bergbau und Vorbereitung von Rebellionen gegen die Krone. Eine königliche Kommission nach der anderen wurde aus Europa geschickt, nur um stets die völlige Haltlosigkeit der Anschuldigungen festzustellen.
Die Reduktionen lagen meist in der Nähe eines Flusses -wegen der Verkehrsverbindungen, und auf einer Anhöhe - wegen der Überschwemmungen und der Malaria. In weiterem Umkreis dehnten sich die Felder: Getreide, Zuckerrohr, Baumwolle, Yerba für den Mate-Tee. Zwischen den Feldern lagen die Wirtschaftsbetriebe: Ziegelei, Sägewerk, Schlachthaus, Gerberei, Mühlen für Getreide und Zuckerrohr. Wichtigste Nahrungsquelle waren die Rinderherden. Jede Reduktion hatte ihre "Estancia", die Farm für die Viehzucht, in einer geeigneten Weidegegend, oft Hunderte Kilometer entfernt.
Das Material für die Gebäude war ursprünglich Lehm und Holz gewesen, im Laufe der Zeit baute man jedoch immer mehr aus Stein, auch die Häuser der Indios. Die Ausmaße der Kirchen entsprachen denen der größten in Europa, so daß leicht einige tausend Menschen, praktisch die ganze Gemeinde, gleichzeitig am Gottesdienst teilnehmen konnten. Die künstlerische Qualität war auf der Höhe der damaligen Barockkunst in Europa. Zunächst waren die Indios lediglich Kopisten der aus Europa mitgebrachten Werke, doch bald traten auch dekorative indianische Elemente auf und es entstand ein sehr eigenständiger Stil. Das Innere der Kirchen war reich an Gemälden, geschnitzten Altären und Statuen.
In einem Brief nach Hause schreibt 1744 der Schweizer P. Martin Schmid aus den Chiquito-Reduktionen:
...die Missionare hier sind nicht nur allein Pfarrer, Prediger, Beichtväter und Seelsorger, sondern sie müssen auch für den Leib ihrer Untergebenen Sorge tragen und für alles, was in einer Stadt, einem Dorf oder einer Gemeinde nötig ist. Denn ohne dies könnten sie auch nicht für ihre Seelen sorgen. So sind die Missionare also Ratsherren und Richter, sie sind Doktoren und Ärzte, sie sind Maurer, Tischler und Zimmerleute, sie sind Schmiede, Schlosser, Schuhmacher, Schneider, Müller, Köche, Bäcker, Hirten, Sennen, Gärtner, Maler, Bildhauer, Drechsler, Wagner, Ziegelbrenner, Hafner, Weber, Gerber, Wachsbleicher, Kerzenmacher, Zinngießer und was nur für Handwerksleute in einem Staat vonnöten sind." (Kraus, Täubl S. 143)
Einer der beiden Jesuiten war zugleich Vertreter des spanischen Königs. D.h. die Patres waren zugleich Priester und königliche Beamte. Sie waren die Organisatoren, die entschieden über den Einsatz der Arbeitskräfte, über die Einführung neuer Technologien und über die Verwendung der erzeugten Güter, sei es zum Konsum, sei es zur Neuinvestition. Von den Guarani wurde die Rolle der Jesuiten als eigentlichen Lenker der Wirtschaft hingenommen. Es gab eine Gemeindeverwaltung nach spanischem Muster mit indianischem Bürgermeister und anderen Amtsträgern. Sie wurden von den Kaziken, den traditionellen Sippenhäuptern, aus ihrem Kreis gewählt, wobei die indianische Form der Großfamilie erhalten blieb.
Durch die Gehorsamsstruktur innerhalb des Jesuitenordens standen die einzelnen Reduktionen in einem organisatorischen Zusammenhang. Sie bildeten einen autonomen Selbstverwaltungskörper innerhalb des spanischen Kolonialreiches, der durch seine wirtschaftliche Autarkie, durch bestimmte Hoheitsrechte sowie durch sein Auftreten als Handelspartner eine selbständige Größe darstellte. Aber trotz ihrer Freiheiten und Sonderrechte blieben die Jesuitenreduktionen den staatlichen Provinzialgouverneuren unterstellt, die als Vertreter des Königs in den Missionen feierlich empfangen wurden und die Wahlen zum Gemeinderat der Reduktionen bestätigten. Sie bildeteten also keinen Staat im Staate; sie waren weder souverän nach außen, noch übten sie nach innen eine hoheitliche Befehls- und Zwangsgewalt aus, so daß Bezeichnungen wie "Jesuitenstaat von Paraguay" irreführend sind.
"Die Schamanen überreden die Indianer, nicht zu arbeiten, nicht auf die Felder zu gehen und versprechen ihnen, daß die Ernten von allein wachsen werden, daß es nicht zuwenig, sondern zuviel Nahrung in ihren Hütten geben wird, daß die Spaten den Boden alleine umgraben, die Pfeile sich ihre Besitzer suchen und viele Feinde fangen werden. Sie sagen voraus, daß die Alten wieder jung werden." (Kraus, Täubl, 144)
Die Jesuiten, auch sie "geistliche Männer" boten neben dem "himmlischen" zugleich ein "irdisches Paradies" an. Und sie konnten ihre Versprechen aufgrund ihrer überlegenen Kenntnisse in der Landwirtschaft und ihrer Organisationskunst auch halten. Auf diese Weise wurden die Jesuiten für die Guarani das, was man heute "agents of change", "Innovatoren" nennen würde, d.h. Persönlichkeiten, auf deren Wort und Beispiel hin eine Bevölkerung bereit ist, einen Wandel in ihren Lebensgewohnheiten zu akzeptieren und mitzumachen. Es entstand so eine Symbiose von Indiostämmen mit einer europäischen Ordensgemeinschaft, d.h. die traditionellen Gesellschaftsformen der Guarani wurden dabei verbunden mit Elementen aus der Lebens- und Wirtschaftsform der europäischen Klostergemeinschaften, die ja meist große Gutsbetriebe mit landwirtschaftlicher und oft auch gewerblicher Erzeugung waren. Diese strikte Rollenverteilung blieb während der ganzen Zeit erhalten, die Jesuiten waren die Organisatoren und Missionare, die Indios blieben das Objekt ihres Paternalismus; nie wurde ein Indio zum Priesterstand oder zum Orden zugelassen.
"Jeden Sonntagmorgen, wenn die Patres beim Gebet versammelt sind, kommen alle Alter und Geschlechter auf dem Platz zusammen, Männer und Frauen, Mädchen und Jungen getrennt, wie gewöhnlich. Wenn die Patres ihr Gebet beschließen, werden die Türen geöffnet und die Frauen betreten die Kirche durch den dreiteiligen Haupteingang, während die Männer durch die Seiteneingänge eintreten. Die Jungen bleiben im Hof der Patres, die Mädchen gehen zum Friedhof. Mitten in der Kirche, zwischen Männern und Frauen und mit dem Rücken den letzteren zugewandt, stellen sich vier Indios mit den hellsten Stimmen auf, alle anderen knien. Die vier stimmen das Vaterunser und die anderen Gebete an, die von allen wiederholt werden. Im Anschluß daran setzen sich alle, während die vier stehen bleiben und den Katechismus eröffnen. Zwei von ihnen fragen: "Gibt es Gott?" Darauf antworten zwei:"Ja, es gibt ihn." Die zwei fahren fort:"Wie viele Götter gibt es?" Und die beiden anderen antworten:"Nur einen einzigen." Alle antworten dasselbe, und so geschieht es auch mit allem anderen. Dies geschieht natürlich alles in ihrer eigenen Sprache."
Darüber hinaus wurde am Sonntag die "Buchführung" über die gesamte Gemeinde vorgenommen, die notwendigen Arbeiten wurden verteilt und die "Abweichler" wurden bestraft.
"Nach der Ansprache zählen die Sekretäre der Siedlung anhand von Listen nach Alter und Geschlecht alle nach, um zu sehen, ob jemand in der Messe gefehlt hat; sie berichten das dem Pfarrer, und dieser prüft, ob ein Hindernis vorgelegen hat. Wenn sich einer schuldig gemacht hat, so sucht er ihn auf und bestraft ihn. Die Strafe besteht aus fünfundzwanzig Peitschenhieben. Danach wird die zweite Messe für die Rekonvaleszenten und diejenigen gelesen, die bei der ersten verhindert waren. Daraufhin werden die Arbeiten für die gesamte Woche verteilt, dann gehen sie zum Essen und danach zum Ballspiel, ihrem nahezu einzigen Spiel."
Die größte Rolle bei der Vermittlung des Glaubens spielte allerdings die Musik. Jede Siedlung hatte ihren Chor und ein großes Orchester. Alle im Barock üblichen Instrumente, sogar Orgeln, wurden an Ort und Stelle hergestellt, die großen Werke der damaligen Barockmusik mit größter Professionalität aufgeführt.
Begründer der Musiktradition der Chiquitos war der Schweizer Jesuit Martin Schmid gewesen, ein künstlerisches Universalgenie. Er lebte von 1730-1767 bei den Chiquitos und schrieb in einem Brief 1744:
"Die Obern haben mir befohlen, die Musik in diese Missionen einzuführen und Orgeln und Instrumente zu bauen, damit die Indianer auch mit Musik ihren Gott und Herrn loben möchten. So habe ich gleich angefangen, die Indianerbüblein- und -knaben, die ja lesen konnten, in der Singkunst zu unterweisen. Und was noch mehr ist, ich habe auch allerlei Musikinstrumente verfertigt, ohne dies früher in Europa gelernt oder auch nur daran gedacht zu haben. Aber die Not und der Mangel an Lehrern haben aus mir einen Kunstmeister gemacht. Denn alle Dörfer haben jetzt ihre Orgel, viele Geigen und Baßgeigen aus Zedernholz, Clavicordia, Spinette, Harfen, Trompeten, Schalmeien. Alle habe ich verfertigt und die Indianerknaben die Instrumente schlagen und zu brauchen gelehrt. Diese Indianerbüblein sind ausgemachte Musikanten; sie statten alle Tage in den heiligen Messen mit ihrem Singen und Musizieren dem Herrgott das schuldige Dankeslob ab. Ich darf behaupten, daß sie mit ihrer Musik in jeder Stadt und Kirche zu Eurer großen Verwunderung erscheinen könnten." (Kraus, Täubl, S. 152)
Musik gab es bei jeder Gelegenheit, nicht nur bei den Gottesdiensten, auch auf dem Weg zur Arbeit und während der Arbeit. Sogar bei der Bestellung der Felder und bei der Ernte waren den Arbeitstrupps Musiker zugeteilt. Der Jahresablauf war mit Festen übersät, die in möglichst großartiger Weise gefeiert wurden. Paraden, Feuerwerke, Tänze oder Theateraufführungen umrahmten die mehr kultischen Zeremonien, bei denen die feierlichen Hochämter mit Orgel- und Instrumentalmusik sowie riesigen mehrstimmigen Chören im Mittelpunkt standen. Dazu kamen feierliche Prozessionen.
Musik und Tanz hatten schon im früheren Stammesleben der Guarani eine ausgesprochen religiöse Dimension gehabt. Insofern kamen die Jesuiten ihren Bedürfnissen sehr entgegen und die Musik konnte bei der Vermittlung neuer Werte und Verhaltensweisen eine hervorragende Rolle spielen. Wenn alle Lebensäußerungen -Arbeit, Erholung und Feste, Geburt, Heirat und Tod- von kultischen Handlungen begleitet wurden, so traf sich das mit der bei den Guarani üblichen Ritualisierung jeglichen Tuns. Alle Handlungen hatten eine festgefügte Form, die in Bezug zu dem von den Vorfahren überkommenen Weltbild stand. Die Missionierung der Jesuiten nahm also weitgehends Rücksicht auf die Mentalität der Indios. Ihr System verzichtete darauf, die europäischen Maßstäbe der Geldwirtschaft und des Handels, einer Zwei-Klassengesellschaft und der durch sie organisierten massiven Ausbeutung zum Vorbild zu nehmen.
Montesquieu, ein Zeitgenosse des Experimentes der Jesuiten, urteilte: "Es gereicht der Gesellschaft Jesu zum Ruhm, die erste gewesen zu sein, die in diesen Ländern die Verbindung der Religion mit der Idee der Menschlichkeit verwirklichte. Indem sie die Verwüstungen der Spanier wiedergutmachte, begann sie eine der schwersten Wunden zu heilen, die die Menschheit je empfangen hat...". (Kraus, Täubl S.158) Cunningham Graham, einer der Gründer der englischen Labour-Partei, veröffentlichte 1901 ein begeistertes Buch. Er hatte einige Zeit in jenen Gegenden gelebt und daraufhin die alten Berichte und Quellen durchforscht. "Vor 25 Jahren noch traf ich auf den verlassenen Missionsstationen Leute, die mit Bedauern von der Zeit der Jesuiten sprachen und die Gebräuche, die noch weiterbestanden, hochhielten. Auch wenn sie nur vom Hörensagen berichten konnten und nur Geschichten, die sie in ihrer Jugend gehört hatten, wiederholten, so hatten sie doch die Vorstellung bewahrt, daß die Missionen in der Jesuitenzeit ein Paradies gewesen waren..." (Kraus, Täubl, 159)
Bedeutsam ist das Experiment der Reduktionen auch wegen seiner Wirkung auf die Ideengeschichte des europäischen Sozialismus gewesen. Schon die utopischen Sozialisten der Aufklärungszeit wurden zu Spekulationen angeregt. Im 19. Jahrhundert haben sich immer wieder Bodenreformer auf das Landsystem der Reduktionen berufen. Auch moderne Sozialisten fanden Berührungspunkte zu eigenen Anliegen: Es bestand Kollektiveigentum an den Produktionsmitteln, am Boden und den Werkzeugen sowie eine Art Selbstverwaltung der Arbeiter. Soziale Klassen fehlten unter den Indios, eine Planwirtschaft war mit einer ständigen Vervollkommnung der technologischen Möglichkeiten verbunden; es gab gewissermaßen eine Einheit von Gewerbe und Landwirtschaft, von Stadt und Land; Kunst und Künste konnten sich durch die Befreiung des einzelnen von den Sorgen um die tägliche Existenz entfalten..
Es ist viel gerätselt worden, welches Ideengut nun hinter dem System der Reduktionen stand. War es ein "urchristlicher Kommunismus"? War es die gezielte Verwirklichung einer "sozialen Utopie"? Manche Zeitgenossen in Europa meinten damals, die Patres hätten im fernen Paraguay bewußt die Vorstellungen Platons über den "Staat" realisieren wollen. Neuere Autoren vermuten, die "Utopia" des Thomas Morus oder der "Sonnenstaat" des Campanella hätten Pate gestanden. Dafür gibt es aber in den Quellen keinerlei Anhaltspunkte. Es steht fest, daß die damaligen Jesuiten andere Dinge im Kopf hatten als die Errichtung eines idealen Staates aufgrund fertiger Sozialtheorien. Ihr eigentliches Anliegen war tatsächlich die Mission, die Bekehrung der Indios zum Christentum. Die zivilisatorische Arbeit war dabei nur ein Mittel, das diesem Ziel zu dienen hatte. Dabei verbanden sie kollektive Stammesstrukturen, die sie vorfanden, mit den Gemeinschaftsstrukturen europäischer Orden auf sowohl geniale als auch sehr pragmatische Weise. Man realisierte so eine durchaus fruchtbare Begegnung zweier Kulturen, die auf verschiedenen Entwicklungsstufen standen. Die Jesuiten hatten dabei allerdings nicht die Absicht, ein allgemeingültiges Vorbild für eine künftige Gesellschafts- und Staatsordnung der Menschheit zu entwerfen.
Zum anderen sollte man sich bei aller Begeisterung über die Grenzen des Reduktionssystems keine Illusionen machen. Das "ideale" System der Jesuiten zielte nicht auf eine wirkliche Emanzipation der Indios ab. Von seinem Ansatz her stand es unter der Konzeption der "Treuhandschaft" und es kam während seiner ganzen Dauer über die klare Abgrenzung zwischen den Europäern als Vormund und den Indios als Mündel nicht hinaus. Ein wirklich partnerschaftlicher Austausch auf gleicher Ebene kam zwischen den beiden Zivilisationen, der europäischen und der indianischen, nicht zustande.
Die Jesuiten hätten sicher einen effektiven Widerstand gegen diese Auflösung organisieren können. Ein Jesuit, der von 1748-1767 auf einer Reduktion in der Nähe der argentinischen Stadt Santa Fe lebte, schrieb dazu in seinen Erinnerungen: "Was Ungemach hätten nur allein die 30 Völkerschaften von Guaraniern anstellen können, in denen man bis zu 120 000 Seelen zählt, worunter wenigstens 50 000 und mehr streitbare Männer hätten herangezogen werden können? Wie bald wären sie mit Buenos Aires fertig gewesen? Ich allein mit meinen etlich hundert Indianern hätte leicht die ganze Jurisdiction von Santa Fe zerstören können." (Kraus, Täubl, S. 170)
Sie haben aber offenbar anders kalkuliert. Ihre Befürchtung war, daß eine solche offene Rebellion gerade jene Gerüchte und Verdächtigungen bestätigt hätte, mit denen man damals in Europa an der Aufhebung des Ordens arbeitete. Die Missionare hofften, mit einer Unterwerfung ihre Loyalität beweisen zu können, um möglichst bald die Erlaubnis zur Rückkehr in die Reduktionen zu erhalten. Vor allem mußten sie damit rechnen, daß ein Widerstand gegen den König früher oder später auch kirchliche Sanktionen nach sich ziehen würden. Und ein Widerstand gegen die Kirche selbst war für sie undenkbar. Es wäre gegen ihr besonderes Gehorsamsgelübde gegenüber dem Papst gegangen und auch gegen das erklärte Ziel, die Indianer zum katholischen Glauben zu führen.